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Wirtschaftspolitik
Experten fordern neue Kriterien für Wirtschaftsleistung
Das entwicklungspolitische Institut „Südwind“ fordert eine grundlegende Revision bei der Bewertung der Wirtschaftsleistung. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Kompass für eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik werde zunehmend fraglicher, erklärte Südwind am Montag in Siegburg bei Bonn. In einer Studie, die in Zusammenarbeit mit „Brot für die Welt“ und dem Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) herausgegeben wurde, fordert das Institut für Ökonomie und Ökumene alternative Denkmodelle für eine Umorientierung zu mehr Nachhaltigkeit.

Das BIP sei der zentrale Maßstab zur Berechnung der Wirtschaftsentwicklung eines Landes weltweit, erklärte Südwind. „Allerdings gehen weite Teile der Wirtschaft, darunter beispielsweise die Hausarbeit und ehrenamtliches Engagement, gar nicht erst in die Rechnung ein“, kritisierte der Hauptautor der Studie, Friedel Hütz-Adams. Angesichts weltweiter massiver sozialer und ökologischer Probleme stelle sich die Frage, wie lange die Politik die Steigerung des BIP noch als wichtigstes politisches Ziel ansehen wolle, erklärte Mitautor Michael Frein vom EED.

Die 40 Seiten starke Studie solle neue Denkanstöße für eine verstärkte Debatte in Deutschland liefern, hieß es. Andere Länder wie etwa Frankreich oder Großbritannien arbeiteten bereits vor dem Hintergrund einer jahrzehntelangen kritischen Debatte an neuen Konzepten. Auch die EU und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hätten Kommissionen eingesetzt.

Die Studie benennt als zentrale Schwäche des BIP, dass nicht unterschieden werde, welchen Einfluss eine Veränderung des Wertes auf Wohlstand, Lebensqualität, Umwelt oder eine gerechte Güterverteilung habe. Aufgelistet werden anschauliche Beispiele: So trage etwa ein Sterbenskranker im Endstadium, der sich scheiden lassen wolle, mit seinen hohen Ausgaben für Gesundheitsversorgung und Rechtsanwälten zur Steigerung des BIP bei. Auch steigende Kriminalitätsraten mit entsprechenden Ausgaben für Wachdienste und Sicherheitstechnik sorgten für eine Steigerung des Wertes.

Ebenso ließen Umweltkatastrophen und die Beseitigung der Schäden das BIP wachsen, hieß es weiter. Dies sage aber nichts über Folgekosten sowie möglicherweise dauerhaft zerstörte Lebens- und Wirtschaftsgrundlagen aus. Der Klimawandel zeige, wie unvollständig die Wirtschaftsleistung durch das BIP erfasst werde. So sei der Ausstoß von CO2 kostenlos gewesen und nicht als Faktor in die Berechnungen eingegangen, kritisierten die Autoren.

epd




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© CIW Wirtschaftsnachrichten, letzte Änderung: 13.06.2010